Wien 2008
St. Lt. Univ.-Prof. Dr. Harald Aschauer
Dr. Nilufar Mossaheb
Mag. Monika Schlögelhofer

Einführung zu Diagnose und Entstehung:

Hat es in früheren Jahrhunderten auch schon die Schizophrenie gegeben?

Die Krankheit Schizophrenie ist so alt wie die Menschheit, es hat sie immer gegeben. Wir finden Beschreibungen von Menschen mit charakteristischen Symptomen schon in alten Schriften, wie in der Antike. Aber der Name Schizophrenie wurde 1911 vom Schweizer Psychiater Eugen Bleuler erstmals verwendet und hat sich seither durchgesetzt. Das Wort Schizophrenie kommt aus dem Griechischen und bedeutet „gespaltene Seele“. Das ist allerdings oft missverstanden worden, weil weder das Gehirn, noch die Persönlichkeit, noch die Seele der Erkrankten gespalten ist.

Worunter leidet ein Mensch mit Schizophrenie?

Schizophrenie ist eine Krankheit des Gehirns mit Veränderungen im Denken, in den Gefühlen und im Verhalten.

Deshalb kommt es manchmal vor, dass an Schizophrenie Erkrankte wie verwirrt oder über merkwürdige Gedanken sprechen. Sie brechen oft einen Gedankengang mitten im Satz ab. Darunter leidet auch die Konzentration und Aufmerksamkeit. Die Fähigkeit, die Wirklichkeit zu erkennen, scheint gestört. Vorstellungen, Träume und wirkliche Erlebnisse verschwimmen, alles erscheint verändert und unwirklich. Betroffene, die sich verletzlich und „dünnhäutig“ empfinden, haben Schwierigkeiten, die Grenzen der eigenen Person zu spüren, fühlen sich manchmal wie von außen beeinflusst und gelenkt. Wenn dann die Patientin oder der Patient von solchen Vorstellungen überzeugt ist, die wir in der Wirklichkeit nicht nachvollziehen können, sprechen wir von einem Wahn. Erlebnissen oder Personen werden veränderte Bedeutungen gegeben. Dies führt zu oft unverständlichen Handlungen oder großer Angst. Wahrnehmungen (beispielsweise im Sehen, Hören oder Schmecken) ohne wirklichen Hintergrund nennen wir „Halluzinationen“. Oft berichten Patientinnen und Patienten von Stimmen, die sie hören, oft beschimpfend, oft von vielen Geräuschen durcheinander, die zur Qual werden.

Schizophren Kranke leiden auch an einer veränderten Gefühlswelt. Häufig kommt es zu einer depressiven Verstimmung. Oft berichten sie uns, nicht mehr so fühlen zu können, wie früher. Gefühle fehlen, oder es herrschen unpassende Stimmungen vor.

Das Verhalten wird natürlich durch all diese Beeinträchtigungen verändert. Es kann eine Interessensverminderung oder eine übertriebene Aktiviertheit vorliegen. Patientinnen und Patienten werden verletzbar und misstrauisch, oft verhalten sie sich fremdartig. Sie ziehen sich zurück, um vor der Reizüberflutung zu flüchten und sich vor Überforderung zu schützen. Manchmal wirken sie erschöpft.

Leiden viele Menschen an Schizophrenie?

Die Krankheit kommt in allen Ländern der Erde in etwa der gleichen Häufigkeit vor: es leiden etwa 1 % der Bevölkerung daran (das heißt in einer Stadt wie Wien mit 2 Millionen Einwohnern müssen wir mit 20.000 Kranken rechnen). Männer sind geringfügig häufiger betroffen als Frauen. Man kann keine Zunahme oder Abnahme der Häufigkeit über einen Zeitraum von einigen Jahrzehnten feststellen.

In welchem Alter bricht die Krankheit aus?

Meistens tritt die Krankheit im Alter zwischen 18 und 30 Jahren auf. Männer erkranken durchschnittlich um 5 Jahre früher als Frauen. Die Krankheit kann plötzlich und heftig ausbrechen, oder langsam, unmerklich, schleichend beginnen.

Sind Menschen mit Schizophrenie einsam?

Die Mehrzahl der Menschen mit Schizophrenie haben keine Lebenspartnerschaften. Ungefähr 60 – 70% der Kranken heiraten nicht und viele haben wenige Kontakte mit anderen Menschen. Aus verschiedenen Gründen nehmen sich 10% der Menschen, die an Schizophrenie leiden, das Leben! Insgesamt versuchen 20 – 40% der Patientinnen und Patienten zumindest einmal im Verlaufe der Krankheit sich das Leben zu nehmen. Besonders gefährdet für Suizid (früher auch als Selbstmord bezeichnet) sind junge Männer.


Sind Menschen mit Schizophrenie gefährlich?

Nur wenige, einzelne Menschen, die an Schizophrenie leiden, verüben schwere Gewaltdelikte. Die meisten Patientinnen und Patienten leben ja zurückgezogen und einsam und leiden selbst unter Ängsten und Befürchtungen, was den Kontakt mit anderen Menschen betrifft. Sie sind nicht „gefährlicher“ als gesunde Menschen. Als besonders ungünstig diesbezüglich und mit einer erhöhten Gewaltbereitschaft wird aber angesehen, wenn junge Männer, die nicht krankheitseinsichtig und behandlungswillig sind, zusätzlich viele Drogen oder große Mengen Alkohol zu sich nehmen.

Was sind die Ursachen für die Krankheit?

Viele Einflüsse spielen zusammen eine Rolle. Keine Ursache alleine ist für die Krankheit ausschlaggebend. Einerseits sind es körperliche Ursachen und Belastungen, beginnend mit erblichen Einflüssen und Veränderungen im Stoffwechsel des Gehirns. Es ist also oft eine Störung der Informationsüberträgerstoffe (genannt Neurotransmitter, wie zum Beispiel Dopamin) des Gehirns. Andererseits sind es Einflüsse auf die seelische Entwicklung und Einflüsse des Umfeldes der Menschen wie Stress, Belastungen oder Schicksalsschläge (zum Beispiel Familie, Beruf, Freundeskreis). Betroffene sind oft „verletzlich“, sie haben eine „dünne Haut“. Belastungen werden auch anders empfunden als von Gesunden. Auch eine Aneinanderreihung von „alltäglichen Anforderungen“ kann zum Ausbruch führen („Vulnerabilitäts-Stress-Bewältigungsmodell“).

Kommt die Schizophrenie in manchen Familien häufiger vor als in anderen?

Man kann sagen, dass bei 80% aller Kranken in der Familie kein anderer Mensch zu finden ist, bei dem ebenfalls eine Schizophrenie festzustellen ist. Auf der anderen Seite gibt es manche Familien, wo man mehrere Erkrankte vorfindet.

Einführung zur Behandlung:

Kann Schizophrenie geheilt werden?

Wir kennen drei verschiedene Verlaufsformen der Schizophrenie. Jede der drei Verlaufsformen kommt etwa gleich häufig vor, jede zu etwa einem Drittel. Wir sprechen von der „Drittel-Regel“ der Schizophrenie.

Das erste Drittel sind die Patientinnen und Patienten, bei denen es einmal im Leben zu einer Schizophrenie kommt, diese aber (nach einigen Wochen oder Monaten) mit Behandlung wieder völlig verschwindet und nie wieder auftritt.

Das zweite Drittel sind die Patientinnen und Patienten, die wiederkehrende Episoden oder Phasen der Erkrankung durchmachen (diese dauern einige Wochen oder Monate). Zwischen den einzelnen Episoden ist die Patientin oder der Patient für Monate oder Jahre wieder ganz gesund.

Das dritte Drittel sind eher ungünstige Verläufe, bei denen die Krankheit trotz Behandlung nicht wieder gänzlich verschwindet. Es bleibt ein Rest der Krankheit auch nach Abheilung der akuten Episode oder Phase zurück. Es können immer wieder Episoden auftreten, der Zustand nach Abklingen der einzelnen Episoden kann sich auch langsam weiter verschlechtern.

Alle Menschen mit Schizophrenie sollten behandelt werden, wobei medikamentöse Behandlungen verbunden mit psychotherapeutischen Behandlungen (z.B. in Form von Gesprächen oder Übungen) im Vordergrund stehen. Zusätzlich sollten meist so genannte psychosoziale Behandlungen (zum Beispiel Behandlungen oder Veränderungen in der Familie, im Beruf, im Wohnbereich) und Behandlungen zur Rehabilitation angewendet werden, um Belastungen zu meistern und die Wiedereingliederung in die Erfordernisse des Alltags zu erleichtern.

Welche Faktoren haben sich für den Verlauf der Krankheit als günstig erwiesen?

Plötzlicher Beginn, später Erkrankungsbeginn, gute soziale Ausgangslage, Krankheitseinsicht, weibliches Geschlecht, früher Behandlungsbeginn mit Medikamenten (Antipsychotika).

Was macht die Behandlung oft schwierig?

Manchmal haben Patientinnen und Patienten aufgrund der Natur ihrer Beschwerden keine Einsicht in ihre Krankheit und lehnen deshalb auch eine Behandlung ab.

Soll beim Auftreten psychotischer Symptome rasch Hilfe aufgesucht oder zugewartet werden, ob die Beschwerden von selbst vergehen?

Eine schizophrene Erkrankung sollte frühzeitig behandelt werden, um mögliche längerfristige Nachteile, wie einen Rückzug aus dem Sozial- oder Berufsleben zu verhindern oder gering zu halten. Es ist wichtig, sobald eine Person die ersten richtigen psychotischen Symptome hat, mit einer medikamentösen Behandlung zu beginnen. Diese sollte idealerweise von einer psychotherapeutischen und psychosozialen Therapie begleitet werden. Rasche Erkennung einer schizophrenen Erkrankung und deren Behandlung können den Verlauf und das Ansprechen auf die Behandlung günstig beeinflussen.

Medikamentöse Behandlung:

Welche Medikamente werden bei einer schizophrenen Erkrankung verschrieben?

Antipsychotika stellen die wichtigste Medikamentengruppe bei der Behandlung der Schizophrenie dar. Manchmal können vorübergehend oder längerfristig zusätzliche Medikamente wie Beruhigungsmittel, Medikamente gegen depressive Verstimmungen oder stimmungsstabilisierende Medikamente notwendig sein.

Gegen welche Beschwerden helfen antipsychotische Medikamente?

Viele der Beschwerden sind durch ein Ungleichgewicht im Stoffwechsel bzw. einer übermäßigen Ausschüttung eines Botenstoffes im Gehirn, Dopamin, bedingt. Antipsychotika helfen, den Dopaminstoffwechsel wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Antipsychotika wirken insofern anti-psychotisch, als dass sie helfen, einige der wesentlichen psychotischen Symptome, insbesondere Wahn, Halluzinationen, Erregung, Schlafstörungen, Reizüberflutung u.a. zu vermindern. Sie helfen auch den Betroffenen, wieder klarer zu denken und sich besser zu konzentrieren.

Machen Antipsychotika süchtig?

Antipsychotika machen weder süchtig noch abhängig.

Müssen Antipsychotika lebenslänglich eingenommen werden?

Wesentlich für den Erfolg der Behandlung ist, dass Antipsychotika über einen gewissen Zeitraum regelmäßig eingenommen werden. Zur Vorbeugung von Rückfällen wird empfohlen, dass nach einer ersten psychotischen Episode die antipsychotischen Medikamente über mindestens 6 Monate eingenommen werden. Sollte es zu immer wiederkehrenden psychotischen Episoden kommen, sollten Antipsychotika über mehrere Jahre, manchmal sogar lebenslang, eingenommen werden.

Können Antipsychotika Nebenwirkungen verursachen?

So wie alle anderen Medikamente auch, kann es auch unter der Einnahme von Antipsychotika zum Auftreten von Nebenwirkungen kommen. Nicht jeder Mensch erlebt Nebenwirkungen unter Antipsychotika und nicht jeder gleich stark. Wenn Nebenwirkungen auftreten und unangenehm sind, sollte von ärztlicher Seite eine Umstellung auf ein anderes Mittel oder die Gabe eines Gegenmittels in Erwägung gezogen werden.

Psychotherapeutische und psychosoziale Behandlungen:

Welche Therapien unterstützen die medikamentöse Behandlung?

Die Behandlung mit Medikamenten sollte idealerweise mit "Psychotherapie" und Hilfen, die das soziale Lebensumfeld von Erkrankten betreffen ("Soziotherapie"), ergänzt werden.

Welche Art von Psychotherapie ist geeignet?

Es gibt verschiedene Arten von Psychotherapie. Grundsätzlich gilt, dass sich Psychotherapie bei der Behandlung von Menschen mit Schizophrenie an dem jeweiligen Zustand orientieren soll. Dafür stehen heute verschiedene maßgeschneiderte Psychotherapieprogramme zur Verfügung.

Was sind Inhalte der Psychotherapie?

In der Psychotherapie geht es zunächst darum, eine vertrauensvolle und tragfähige therapeutische Beziehung aufzubauen. Weiterhin soll die Psychotherapie den Betroffenen helfen, ihre Erkrankung besser zu verstehen. Es werden Hilfestellungen bei der Bewältigung von Stress und Problemen des Alltags gegeben. Es soll erlernt werden, wie ein möglicher Rückfall der Erkrankung rechtzeitig erkannt und bewältigt werden kann. Außerdem sollen die Fähigkeiten des Menschen unterstützt und die Lebensqualität gefördert werden.

Was ist Soziotherapie?

Unter Soziotherapie versteht man Hilfen, die sich auf das soziale Umfeld beziehen. Unterstützt werden soll vor allem in den Problembereichen Wohnen und Arbeit, Finanzierung des Lebensunterhaltes und Freizeitgestaltung. Ziel ist es, dass Betroffene wieder aktiv und mit Freude am Leben teilnehmen können.

Welche Betreuungseinrichtungen gibt es?

Es gibt mehrere Einrichtungen und Dienste, die auf die Behandlung von Menschen mit Schizophrenie ausgerichtet sind. Je nach Lebenssituation ist eine mehr oder weniger intensive Betreuung notwendig. Während einer akuten Erkrankungsphase stehen psychiatrische Krankenhäuser zur Verfügung. Nach einem Krankenhausaufenthalt ist die Betreuung in Form einer „Tagesklinik“ möglich. Die Patientinnen und Patienten verbringen dort den Tag und haben die Möglichkeit an einem strukturierten Tagesablauf teilzunehmen (u.a. Beschäftigungs- und Bewegungstherapie,  Krankheitsbewältigungs- und Kommunikationsgruppen, Freizeitgestaltung) um sich langsam wieder an ein selbständiges Leben zu Hause zu gewöhnen. Weiters werden betreute Wohngemeinschaften angeboten, sowie Einrichtungen, die Hilfestellungen bei der beruflichen Wiedereingliederung geben oder Arbeits- und Beschäftigungstherapien betreuen. Außerdem können Selbsthilfe- und Freizeitgruppen in Anspruch genommen werden.

Wie können Angehörige helfen?

Das Einbeziehen der Familienmitglieder in die Behandlung („Familienintervention“) erwies sich als sehr wichtig. Es wirkt sich günstig auf den Krankheitsverlauf aus, wenn Familienmitglieder die Krankheit annehmen, Informationen über das Krankheitsbild bekommen und Anleitungen im Umgang mit Krisen und Rückfällen erhalten. Vor allem die Rückfallrate könnte dadurch deutlich gesenkt werden. Unterstützung und Hilfe können Angehörige in sogenannten „Angehörigengruppen“ erhalten. Dort treffen sich Angehörige von Betroffenen zum Erfahrungsaustausch.

Stimmen hoeren (Deutschlandradio Kultur).mp3

                                                                                  © 2012 www.dasGehirn.info

10 Fakten über Schizophrenie

  1. Schizophrenie ist gut behandelbar. Bei einem von vier Schizophrenie-Patienten kommt es innerhalb von fünf Jahren zur vollständigen Heilung der Erkrankung. Bei den meisten anderen können die Symptome verringert und das Befinden auf unterschiedlichem Niveau gebessert werden.
  2. Menschen mit Schizophrenie können Großes leisten. Denken Sie nur an den Nobelpreisträger und Wirtschaftswissenschaftler John Nash, den Jazztrompeter Tom Harrell oder den „Fleetwood Mac”-Gitarristen Peter Green.
  3. Menschen mit Schizophrenie haben KEINE „gespaltene Persönlichkeit”. Sie verhalten sich zwar manchmal sonderbar, verwandeln sich jedoch nicht plötzlich in eine andere Person.
  4. Viele Menschen, egal woran sie erkrankt sind, vergessen, ihre verordneten Medikamente einzunehmen. Das Versäumen der Einnahme von Schizophrenie-Medikamenten kann jedoch zu einem Rückfall oder zum Wiederauftreten der Symptome führen.
  5. Gewalttätiges oder gefährliches Verhalten von Schizophrenie-Erkrankten ist EXTREM SELTEN.
  6. Schizophrenie wird NICHT durch „schlechte Eltern” verursacht. Schizophrenie-Erkrankte können gute Eltern, schlechte Eltern oder ganz mittelmäßige Eltern haben, wie jeder andere auch.
  7. Menschen mit Schizophrenie sind NICHT faul. Der Energiemangel ist ein Symptom der Erkrankung. Eine Behandlung dieses Symptoms kann in Tageskliniken, in ambulanten Zentren oder auch durch eine Strukturierung des Tagesablaufs und manchmal sogar durch die Rückkehr zum Arbeitsplatz erfolgen.
  8. Die Betreuung eines Schizophrenie-Erkrankten kann bereichernd sein. Schwierig, sicherlich. Erschöpfend, manchmal. Frustrierend, nahezu immer. Jemandem dabei zu helfen, sein Leben wieder aufzubauen, ob als Familienangehöriger, medizinischer Betreuer oder Freund, kann große persönliche Befriedigung bringen.
  9. Was Schizophrenie-Erkrankte sehen oder hören, erscheint ihnen absolut real – egal wie unglaublich oder unrealistisch andere dies finden können.
  10. Ein Rückfall kann es Menschen mit Schizophrenie erschweren, das vorherige Niveau des Wohlbefindens wiederzuerlangen. Das bedeutet, dass es ENTSCHEIDEND ist, die Einnahme der Medikamente und die therapeutischen Sitzungen fortzusetzen, auch wenn die Symptome unter Kontrolle zu sein scheinen.

 

Erstellen Sie eine kostenlose Website mit Yola.